Infos
Sonderausstellung
Museumspädagogik
Führung Erwachsene
Aktuelle Veranstaltungen
* Kinderplausch* NEU
Erlebnispfad
Kinderstadtplan
Förderverein
Über uns
Kontakt/ Newsletter
30 Jahre  KULTURAMA
Lange Nacht 2011
Museumsshop
Other languages
Links
Medien
 


30 Jahre Kulturama – 30 Jahre Museumspädagogik

10. Juni 2008, Zürich



Ein Museum, wie es sich Kinder wünschen



Festrede von Regine Aeppli,

Bildungsdirektorin und Regierungsrätin des Kantons Zürich

Sehr geehrter Herr Lauber
Sehr geehrter Herr Vollenwyder
Sehr geehrte Damen und Herren Kantonsräte und Gemeinderäte
Sehr geehrte Frau Rütsche
Sehr geehrte Damen und Herren

-         Wen fasziniert nicht eine über 2000 Jahre alte Mumie, das gewaltige Gebiss eines Flusspferdes oder das riesige Herzen eines Wales?


-         Wer findet es nicht interessant, einmal die Bausteine einer menschlichen Zelle im Verhältnis 1 zu 40 000 vergrössert zu sehen, und zwar so kunstvoll nachgebaut mit Schwämmen, Drähten und Kugeln, dass man dabei an ein Werk des Künstlerduos Fischli/Weiss denkt?


-         Ist es nicht spannend zu erfahren, dass der menschliche Oberschenkelknochen den Belastungen eines Kleinwagens standhalten kann? Dass die Dicke des menschlichen Schädels zwischen zwei und zehn Millimetern variiert? 

 
Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich sehr, heute hier zu sein und gemeinsam mit Ihnen das 30-jährige Jubiläum des Kulturama feiern zu können - inmitten all dieser spannenden Ausstellungsobjekte. Es ist ein sehr besonderes, in mancher Hinsicht gar einzigartiges Museum. Seien Sie versichert: Ich weiss, wovon ich spreche. Meine Verbindung zum Kulturama ist mehrfach erprobt: als Besucherin mit und ohne Kinder, als Bildungsdirektorin und als Mithüterin des Lotteriefonds. 






Stadtjugendmusik Zürich

Ich erinnere mich gut an die Begeisterung der Kinder, ihre Faszination, wie sie von gewissen Objekten kaum noch wegzulocken waren. Wir zeichneten gemeinsam Objekte ab und übten den aufrechten Gang auf dem Weg vom Affen zum Homo erectus. Mir selbst kam es jedes Mal vor, als würde ich ein Bilderbuch durchschreiten: ein mehrere Räume und Etagen umfassendes Buch der Erdgeschichte, das auf spannende Art Antworten auf wichtige Fragen gibt, das geistreich konzipiert und liebevoll gestaltet ist. Ein Bilderbuch, das man nicht nur mit den Augen betrachten, sondern mit allen Sinnen erfahren kann. Im Kulturama können die Besucherinnen und Besucher Dinge ertasten, fühlen, riechen, hören. Berühren und Ausprobieren ist hier nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.




Zürcher Stadtrat Gerold Lauber
Regierungsrätin des Kt. Zürich Regine Aeppli
Direktorin Dr. Claudia Rütsche

(v. l.)

Eine bisher einmalige Einrichtung in der Schweiz ist der vor zwei Jahren neu eröffnete Erlebnispfad. Hier kann im wahrsten Sinne des Wortes einem Mammut auf den Zahn gefühlt werden; man kann dem Herzrasen einer Spitzmaus mit über 1000 Schlägen pro Minute lauschen und einen über 300 000 Jahre alten Faustkeil bestaunen. Kein Wunder erzählen die Museumsverantwortlichen von kleinen Gästen, denen beim Schliessen des Museums die Tränen über die Backen rollten, weil sie noch nicht nach Hause gehen wollten. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Kinder nach einem Besuch in einem der übrigen 1000 Museen in der Schweiz ähnlich reagieren würden wie die elf-jährige Laura. Nach einem Besuch mit ihrer Klasse schrieb sie dem Kulturama – ich zitiere: «Diese Führung hat mir sehr gut gefallen, darum will ich Ihnen auch tausend Mal danken. Ich habe dabei viel gelernt, und Freude gehabt. Mein Vater  war erstaunt, dass ich so viel wusste, als ich nach Hause kam. Er sagt, Sie haben sich viel Mühe gegeben. Und ich sage natürlich dasselbe.»


Wie bringt ein Museum es fertig, Kinder so direkt anzusprechen und sie derart zu begeistern? Worin liegt das Geheimnis des Kulturamas? Eine mögliche Antwort formulierte Direktorin Dr. Claudia Rütsche einmal so – ich zitiere: «Wir haben ein Museum geschaffen, wie wir es als Kinder gern gehabt hätten und uns damit die eigenen Kinderwünsche erfüllt.» Wenn Frau Rütsche von «wir» spricht, dann umschliesst dieses Wort das eigentliche Elternpaar des Museums: sie selbst und den Vater des Kulturamas, den vor  eineinhalb Jahren in seinem 90. Altersjahr verstorbenen Gründer Paul Muggler. 

 
Der gemeinsame Weg des Duos umfasst ein Viertel Jahrhundert. Er begann, als die 13-jährige Claudia Rütsche in einer Schülerzeitung eine paläontologische Exkursion mit Paul Muggler ausgeschrieben sah. Sie nahm mit Begeisterung teil und wusste daraufhin, dass sie Paläontologin werden wollte. Bereits als Mittelschülerin half sie Muggler in jeder freien Minute und stand ihm und seinem Museum fortan treu zur Seite. In Rekordzeit studierte sie Geschichte und Paläontologie und doktorierte im Bereich der Museumsgeschichte. Eine bessere zweite Hälfte und Nachfolgerin als Frau Rütsche hätte sich Paul Muggler für sein Lebenswerk nicht wünschen können. 

 
Paul Mugglers eigener Weg verlief nicht ganz so gradlinig, aber äusserst zielstrebig. Die Begegnung mit diesem charismatischen Menschen beeindruckte mich sehr. Paul Muggler in wenigen Worten zu beschreiben, ist ein schwieriges Unterfangen. Er war Sammler, Tüftler, Macher, Idealist, Visionär, Pionier, Einzelkämpfer. Der gelernte Flugzeugmechaniker absolvierte ein Maschineningenieur-Studium und belegte darauf einige Semester in Mathematik, Physik und Astronomie; er war im Aktivdienst bei den Fliegertruppen, leitete eine Waagenfabrik, gründete ein kleines Lehrmittelunternehmen und meldete über hundert Erfindungen und Entwicklungen zum Patent an. Voller Leidenschaft stieg er immer wieder in seine Stiefel, nahm die Schaufel zur Hand und grub, wohin ihn seine Spürnase führte. Häufig stiess er auf wahre Trouvaillen. Seine Neugierde, Altes ans Tageslicht zu holen und Stück für Stück zu einem Puzzle zusammen zu setzen, liess nie nach.

 
Die Ausdauer des Paläontologen, tage-, wochen- oder gar monatelang an der gleichen Stelle zu graben, manchmal mit Schaufeln so klein wie Löffel, hat etwas Faszinierendes. Sie ist sozusagen das Gegenstück zu den Zeitgeistsurfern, die ihre Erkenntnisse schon verkünden, bevor sie danach gesucht haben.


Die Uridee für ein eigenes Museum entstand 1968 - (1968 brach also nicht nur mit allen Konventionen, sondern förderte sogar Museales!) - während Ausgrabungen bei Brugg. Auf einer Zeitskala wollte Muggler die Entwicklung vom Einzeller bis zum Menschen festhalten. Fünf Jahre später realisierte er die erste seiner zahlreichen Wanderausstellungen: «Der Mensch in der Urzeit» wurde in der Folge an 19 Orten gezeigt. 65 Mal baute Muggler eigenhändig 15 selbst konzipierte, zum Teil dreisprachige Ausstellungen in der ganzen Schweiz auf.


Ja, und 10 Jahre später, 1978,  war es dann so weit: Paul Muggler erfüllte sich den Traum eines eigenen Museums und gründete das Kulturama. Ein Grossteil der Exponate stammt aus den über 800 Grabungsexkursionen, die er vorwiegend mit Schülern unternommen hat; viele Ausstellungsgegenstände konnte er eintauschen, andere bekam er geschenkt. Zu Beginn war das Kulturama in Wiedikon zu Hause; finanzielle Gründe zwangen in der Folge zu vier Umzügen: von der Roten Fabrik über einen Pavillon der Schulanlage Letzi und dem Wiediker Markt hierher, in diese zentral gelegene Liegenschaft: Vor sieben Jahren konnte das Kulturama die ehemaligen Räumlichkeiten der Probebühne des Schauspielhauses übernehmen.


Die 30-jährige Geschichte des Kulturamas ist von Höhenflügen aber auch von Talsohlen geprägt. Phasenweise mussten die Museumspforten geschlossen bleiben, weil das Geld zum Weiterführen fehlte, und immer wieder gab es Zeiten, in denen viele den Glauben an ein Überleben aufgaben. Sie sollten sich täuschen. Muggler suchte immer wieder nach einem gangbaren Weg. Und wer seine Nachfolgerin kennt, weiss, dass auch der aufgepfropfte Apfel nicht weit vom Stamm fällt.

Heute zählt das Kulturama jährlich rund 20 000 Besucher. Kein Tag vergeht, an dem nicht mindestens zwei Schulklassen in den Genuss einer Führung kommen. Darin liegt das Museum schweizweit an der Spitze. Das Kulturama hat der Museumspädagogik ein Gesicht gegeben, als die meisten noch gar nicht wussten, wofür der Begriff steht. Inzwischen ist es museumspädagogisch wegweisend, was mich als Bildungsdirektorin des Kantons Zürich natürlich besonders freut. Seit Jahrzehnten ist es ein idealer Lernort ausserhalb der Schule, der das Bild einer verstaubten Museumsstätte verdrängt. Hier soll nicht belehrt werden in einer Atmosphäre von Andacht, sondern hier werden Erfahrungen ermöglicht. Es baut Blockaden in der Wissensvermittlung ab und nicht auf.


Meine Damen und Herren, eine Lehrerin und Museumspädagogin charakterisierte die unterschiedlichen Verhaltensweisen von Klein und Gross in Museen einmal so: Wenn sie mit Kindern arbeite und einen Ausstellungsgegenstand betrachte, müsse sie jeweils sagen: „Bitte geht einen Schritt zurück.“ Kinder klebten quasi an der Kunst, am Objekt. Wenn sie aber mit Erwachsenen Kunst anschaue, müsse sie sie dazu auffordern, einen Schritt von der rückseitigen Wand nach vorne zu machen. Kinder müsse man von der Front, Erwachsene von der Rückwand abholen. Das Kulturama durchbricht dieses Schema, hier steht Jung wie Alt nicht an der Rückwand, sondern mit der Nasenspitze an den Vitrinen.


Das zeigt sich in den Zuschriften der Kinder ans Museum. Lassen Sie mich nochmals einem von ihnen das Wort geben – einem Fünftklässler: «Ich habe gelernt, dass ein Baby im Bauch der Mutter mit dem Bauchnabel atmet. Ich habe noch gelernt, dass ein Kaiserschnitt gebraucht wird, wenn ein Kind verkehrt ist oder zu gross. Ich habe gelernt, dass alle Adern von einem Menschen zweimal rund um die Erde gehen. Also das alles hab ich nicht gewusst. Ich dachte, wir lernen ganz wenig, aber ich habe mich geirrt.»


Zum Glück sind Kinder neugierig und lassen sich auf Abenteuer ein, wie dieses Museum eines ist. Naturwissenschaftliche und kulturhistorische Themen werden so vermittelt, dass sie auch ohne Vorkenntnisse verständlich sind. Und man bekommt Lust, sich nach Verlassen des Museums weiter mit den Themen auseinander zu setzen. Das hat auch die 11-jährige Andrea erlebt – ich zitiere aus ihrem Bericht: «Danke viel Mal für den Vortrag. Es war sehr interessant zuzuhören, wie alles entstanden ist: vom Fisch bis zum Menschen. Ich glaube, ich lernte noch nie so viel an einem Tag. Die Skelette gefielen mir ganz besonders. Ich möchte gerne auch einmal Versteinerungen suchen. Ich würde gerne auch einmal mit meinen Eltern kommen.» Es ist schon etwas Besonderes, wenn Kinder ihre Eltern ins Museum locken und nicht immer nur umgekehrt.


Das Kulturama leistet aber noch weitere wertvolle Beiträge: Indem es uns mit der Unendlichkeit des Universums, mit vier Millionen Jahre Menschheitsgeschichte konfrontiert, hilft es Dimensionen zurecht zu rücken. Es relativiert damit auch unser eigenes Selbstverständnis als kleine Sonnengötter, im Mittelpunkt des Universums zu stehen. Das Kulturama schärft unser Bewusstsein für die unermesslichen Schätze dieser Erde und sensibilisiert damit auch auf die grösste Herausforderung der Gegenwart, die Erhaltung der Grundlagen des Lebens auf dem Blauen Planeten.

 

Als positiv empfinde ich auch, dass hier Erwachsene den Kindern, den Jugendlichen nicht eine Welt der absoluten Gewissheiten vorschaukeln. Kein Museum weiss alles. Manchmal bleibt eine Frage offen und stösst so zum Denken und Sinnieren an. So schrieb die Primarschülerin Nadja an die Museumsführerin – ich zitiere: «Das Kulturama gefiel mir sehr. Aber bei etwas kam ich nicht nach. Nach der Bibel sind Adam und Eva die ersten Menschen, aber nach dem Kulturama stammen wir von Fischen ab.»

 

Meine Damen und Herren, Sie werden in Kürze Gelegenheit haben, sich alle diese Fragen auf dem Rundgang durch das Museum selber zu stellen. Die meisten von Ihnen werden das aber kaum das erste Mal tun.  Und deshalb werden wir in Kürze das Glas heben, um auf den heutigen Festtag anzustossen. Meine Gratulation geschieht noch «trocken», aber von ganzem Herzen: Ich freue mich sehr, dass diese für Zürich und die ganze Schweiz so wichtige Institution ihren 30. Geburtstag feiern kann. Herzlichen Glückwünsch!


Zum Abschluss bleibt mir nur noch, allen zu danken, die dazu beigetragen haben, dass wir heute dieses Jubiläum feiern können: Ein grosser Dank den Verantwortlichen des Kulturamas fürs Durchhalten, für die grossartige Arbeit, für Ihren unermüdlichen Einsatz und dafür, dass Sie unseren kleinen wie grossen Schülern auf so kompetente und einzigartige Weise die Menschheitsgeschichte erklären. Ich möchte mich Albert Einstein anschliessen, dessen Worte in einer der Vitrinen auf der Galerie festgehalten sind: «Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot.» Ich wünsche dem Kulturama weiterhin viel Wunderbares und Ehrfurcht und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.


 
Top